Julius Schittenhelm: Biografie









Julius Schittenhelm, Sänger, Liederschreiber, Kunsthandwerker, Objekte-Gestalter und -Designer, geboren 1926, also jetzt 84, betrachtet unsere Welt mit den Sinnen eines Naturwissenschaftlers.
...1947 begann ich in München Chemie zu studieren und finanzierte das anfänglich durch Schwerarbeit als Schaufler in Fäkalkanälen. Ein Studien-kollege brachte mich auf die Idee, Gitarre spielen zu lernen und so zu leichterem Geldverdienen zu kommen.
Ich kaufte mir also eine Wandergitarre beim Trödler und brachte mir die ersten Akkorde selbst bei. Nach vielen Übungs- und einigen Unterrichtsstunden bekam ich im Herbst 1951 als Rhythmusgitarrist im Trio mit einem Akkordionisten und einem Bassisten ein festes Engagement im Pfälzer Hof in Schwabing.
Dort wurden das Trio zur Begleitband von Gisela Jonas, der Schwabinger Gisela, mit der es einige Monate später in ihren eigenen Laden Gisela, um‘s Eck in der Occamstrasse, umzog. Später spielte das Trio in anderen Schwabinger Studentenkneipen (Nachteule, Käuzchen).
So um 1955 brachte mich meine damalige Freundin, eine Kunststudentin, dazu, anstatt als Musiker zu tingeln, mit kunsthandwerklichen Arbeiten anzufangen und mit Kupferschmieden und geschweissten Objekten mein Geld zu verdienen. 1961 baute ich in einem Schwabinger Hinterhof eine eigene Werkstatt auf fremdem Grund mit 20jährigem Pachtvertrag.
Die Freundschaft endete. Ich machte auch wieder Musik als Rhythmusgitarrist in wechselnden Besetzungen in amerikanischen Officerclubs, Hotelbars, Nachtlokalen und dergleichen. Das Chemiestudium hängte ich kurz vor dem Diplom an einen Lufthaken, wo es hängen blieb.
Julius Schittenhelm, August 2008
v.l. Dieter Henneberg, Heinz Mühl, Julius Schittenhelm, Joe Kienemann
im Café Neckermann, München 1963
Gier unter Doppelsonnen
München - Schwabinger Sieben ca 1964
Im Jahre 1966 schrieb ich die ersten eigenen Lieder und trug sie gemeinsam
mit meiner Frau Doris in dem Szene-Lokal Song Parnass mit einigem Erfolg vor. Viele
Stücke
aus dieser Zeit sind immer noch im Repertoire (Mondviecher, Drei Orchideen, Liebeslied der Mutanten). Das Vollprogram Popornopolitophonie führte
in den Jahren 1968 und 1969 Die Schittenhelms auf
Tourneen durch Deutschland, Österreich, die Schweiz. Auch hatten wir
mehrere Auftritte im Bayrischen Rundfunk und im 3. Fernsehprogramm.
Ende 1969, nach der Rückkunft von einem vierteljährigen Aufenthalt
als Tonmeister in New York, hatten die politischen Songs des Programms durch
den Regierungswechsel zur sozial-liberalen Koalition ihre Grundlagen verloren.
Julius und Doris Schittenhelm
ca 1968
Die
Ehe mit Doris ging auseinander. Ich arbeitete, neben dem Kunsthandwerk,
1970 ein Jahr lang als Auftrags-Produzent und Tonmeister für Metronome-OHR (Embryo: Opal, Guru
Guru: Ufo, Paul & Limpe
Fuchs: Stürmischer Himmel, Amon
Düül 1: Paradieswärts Düül, Annexus
Quam: Osmose, Floh
de Cologne: Profitgeier). 1971 lief ausser ein
paar kleineren Produktionen die der LP Spring der Gruppe Life für CBS.
1972 lernte ich Sonja, Mathematikerin
und Informatikerin, kennen und lieben. Bis 1976 wurde die Werkstatt
die Lebensgrundlage. Es wurden Dekorationen für China-Lokale und Filmfirmen,
Plexiglastische und -Lampen, Eisentore gebaut, gebogen, geschweisst.
Nebenher entstanden Song-Texte wie Aristoteles oder Müllmutanten.
1976 ging ich wieder mit neuen Liedern auf die Bühne (Open
Ohr - Mainz), nahm im Herbst meine erste LP auf
(Aristoteles), die auf
dem im selben Jahr gegründeten independent Label SCHNEEBALL (damals APRIL)
veröffentlicht wurde. 1978 folgte die zweite LP (Müllmutanten),
1982 die dritte (Rundschlag).
Während dieser Jahre und bis Mitte der Achtziger, war ich
ständig unterwegs und spielte auf Festivals (Umsonst & Draussen),
in Jugendzentren, Theatern und Songlokalen.
Nach dem von der Lokalbaukommission verfügten Abriss der Hinterhofwerkstatt 1982 und dem dadurch erzwungenen Wegzug aus München wurde das in Schlitz erworbene Fachwerkhaus weitgehend eigenhändig renoviert. Viele eigene Entwürfe für Fenster, Türen, Treppengeländer konnten realisiert werden. 1994 war die Erneuerung abgeschlossen.

Auf einem Block Papier entwarf ich Objekte , die aus farbigem
Plexiglas gefertigt werden sollten. Um die Stücke heiss zu formen, musste
ein Ofen gebaut werden. Der fasst maximal 50 mal 50 cm grosse Stücke und hat
einen Thermostaten. Nun entstanden, aus den Zeichnungen berechnet, in gemeinsamer
Arbeit mit Sonja nach und nach eine grössere Anzahl teils absurder oder abstrakter
Leuchtgegenstände,
die genau für die damals eben auf den Markt gekommenen Sparlampen konzipiert
waren. Zum Formen der 150°C heissen Plexi-Lappen braucht man 4 Hände. Die
Dauerblumen fanden
etliche zufriedene Abnehmer.
Eine durch die harte Bauarbeit verursachte Arthrose in den Handgelenken
machte das Gitarrespiel unmöglich. Ich lernte Klavierspielen,
wieder autodidakt
(1997 bis 1999, täglich
5 bis 6 Stunden). Nach einer schweren Operation
und zusätzlich auftretenden Problemen in einem Herzkranzgefäss
(
Riva) und mehreren Katheterdilatationen
beschloss ich, die fertigen neuen Lieder und Texte so schnell wie möglich
auf eine CD zu bringen, welche im Januar 2000 fertig wurde (
Quarks bis Ethik). Alle Lieder wurden ohne Playback, am Klavier singend, direkt aufgenommen.
... klingt stellenweise wie ein durchgeknallter professor auf acid, der sich beim besuch eines monk-konzertes urplötzlich im hörsaal wähnt und lauthals losdoziert.
yulyus golombeck, musiker (2000)
Die Musik sowohl als auch die Worte sind von gewohnter Schittenhelmscher Herbheit. Sie behandeln in satirischer Weise die Theorien zur Entstehung des Universums, die Evolution auf diesem Planeten, uns Menschen als deren vorläufiges Endprodukt. Der Song Quarks bis Ethik reflektiert unsere gewalttätige Geschichte und spekuliert, dass wir nur (!!) noch maximal fünf Milliarden Jahre Zeit haben zur Vernunft zu kommen, weil dann sich die Sonne zum roten Riesen bläht. Der Ethik ist ein eigener Titel gewidmet und mehrmals wird die Frage gestellt und beantwortet, was uns eigentlich von Tieren unterscheidet. Es fehlt auch nicht an unterhaltsamen absurden Texten.
Julius Schittenhelm in der Galerie Klaus Lea, München, 29.04.2004
2002
begann ich damit, mich intensiv mit der Technik und der inneren Architektur
von Synthesizern zu beschäftigen. Ich programmierte erst Sounds & Multis
auf dem Waldorf Microwave XT, dann Sounds und Sequencer im Dave Smith Evolver,
jetzt auch für Clavia Nord Modular. So habe ich eine Fülle verschiedener
Klänge und fertige Begleitungen für meine Texte zur Verfügung.
Von einem der altersbedingt raren Konzerte der letzten Zeit existiert ein live-Mitschnitt
(live in Bielefeld).
Die im Jahr 2000 begonnene Autobiografie Ich
bin kein Volk soll im nächsten Jahr erscheinen.
Mittlerweile sind meine Handgelenke durch innovative
Selbstbehandlung so genesen, dass mir auch die Gitarre als Instrument
wieder zur Verfügung steht. An neuen Möglichkeiten auf den 6
Saiten übe ich noch; was dabei herauskommt, ist noch nicht klar,
aber es wird sicher nicht milder werden.
Ganz nebenbei habe auch noch mit dem Malen angefangen: ich
koloriere die vom Umbau des Hauses übrig gebliebenen Balkenenden
mit starken Akrylfarben. Die blocks sind irgendwo
auf dieser website zu finden.